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Der Kult mit dem Kilt

“Tartan is one of the best-known and best-loved fabrics in the world.”
                                                                                                              Hugh Cheape

Als König George IV., der Hannoveraner, an einem verregneten 14. August 1822 im Royal Stewart Tartan und fleischfarbenen Leggins seinen Staatsbesuch in Edinburgh machte, stand die Stadt, ja das ganze Land Kopf. Nicht etwa, weil George IV. der erste Monarch seit Charles II. war, der nach Schottland kam und sich als King of Scotland feiern ließ, sondern vielmehr weil seine Hoheit von Kopf bis Fuß in der Landestracht, dem Kilt, gekleidet war. Dank Walter Scott. Der bis dahin schon weit über Schottlands Grenzen bekannte Anwalt, Amateurhistoriker und Autor populärer historischer Romane hatte als adviser general den königlichen Staatsbesuch bis ins kleinste Detail ebenso akribisch und theatralisch organisiert, inszeniert und choreographiert wie seine nostalgisch-romantischen Erzählungen: Die Strassen und Plätze waren über und über geschmückt mit den Karomustern und Wappen der verschiedenen Highland Clans; Dudelsackspieler und Clan Chieftains zu Hunderten, in vollem Highland-Dress herausgeputzt, säumten den Weg der Prozession und allen voran, neben dem König, Walter Scott im Campbell Tartan Garb of old Gael (die Tracht der alten Gälen). Die gesamte, künstlich geschaffene Szenerie war nichts weiter als ein „plaided panorama“, wie John Prebble es in seinem Buch The Kings Jaunt nennt. Scott hatte jeden Clan-Häuptling geradezu in die Hauptstadt zitiert mit den Worten: „No gentleman is allowed to appear in anything but the ancient Highland costume1, um so dem „königlichen Ausflug“ als Repräsentant eines von ihm selbst verklärten Schottlands der Highlander beizuwohnen. „Highlanders are what He will best like to see!“, war Scotts Auffassung und Motto für die Vorbereitungen des königlichen Besuches.

Bemerkenswert – speziell in diesem Zusammenhang – ist der Aspekt, dass gerade der traditionellen Highland-Tracht, dem Kilt sowie dem Dudelsack, somit auf nationaler Bühne zur Renaissance verholfen werden sollte. Unglücklicherweise jedoch vor dem dramatischen Hintergrund der auf ihrem Höhepunkt befindlichen Highland Clearances, der gewaltsamen Vertreibung der Highland-Bewohner von ihren angestammten Siedlungsplätzen zugunsten einer skrupellosen, aber gewinnträchtigeren und von England gesteuerten Politik, die die Ansiedelung von professioneller Schaf- und Viehzucht zum Ziel hatte. Und all das, wo doch das Tragen und zur Schaustellen jeglicher karierter Kleidung und entsprechender Accessoires als Folge der gescheiterten Jakobiter-Rebellion von 1746 durch den sog. Proscription Act von 1747 bei Androhung von drakonischen Gefängnisstrafen bis hin zur Deportation bis 1782 strengstens verboten war2. Es hat den Anschein, dass durch die wiedergewonnene Legalisierung und die einsetzende Popularität, die Tartan, der Kilt und nicht zuletzt der gesamte Highlander-Mythos nun erfuhr, das nationale Stigma von Culloden endlich beseitigt und das System der feudalen Clangesellschaft rehabilitiert werden sollte. Und zwar in dem Masse, in dem sich das 19.Jahrhundert auch als das Jahrhundert des Tartans und der Highland-Mode in der schottischen Geschichte bezeichnen ließe.

 

Der König als Trendsetter und sein Zeremonienmeister Scott als Modemacher bzw. Public Relations Manager der Romantischen Bewegung – so überzogen dies mit Vokabeln des modernen Sprachgebrauchs auch klingen mag, so wahrhaftig war und ist nach wie vor die Anziehungskraft und Symbolik dieses berühmten und berüchtigten Schottentuches. Tartan war schon lange vor Walter Scotts Celtification of Scotland weit mehr als nur ein Stoff mit einer Musterung aus Streifen und Karos in unterschiedlicher Anzahl, Breite, Richtung und Farbe. Tartan war von jeher nicht nur Volkstracht, Uniform und Kampfanzug, sondern auch eine schottische Weltanschauung und insbesondere seit dem frühen 19.Jahrhundert die nostalgisch-folkloristische Verkörperung einer traditionellen Sehnsucht nach nationaler Identität. Denn Tartan galt und gilt nach wie vor unzweifelhaft als heraldisches Erkennungszeichen und Familienflagge. Wer den karierten Rock trägt, bekennt sich nicht nur zu seiner nationalen Identität „Schottisch“, er dokumentiert auch – durch entsprechende Musterung des Tuches – seine Zugehörigkeit zum jeweiligen Familienclan.

Und sowohl die pseudo-literarischen Bemühungen von James Macpherson of Bardenoch um die Restauration des Tartan-Images, die er mit seiner 1760 veröffentlichten (gefälschten) Übersetzung und Interpretation der legendären Ossian-Verse versuchte, als auch die 1842 publizierten (ebenfalls gefälschten) historischen Vestiarium Scoticum-Manuskripte der exzentrischen Sobiesky Stuart-Brüder taten ihr übriges zur Verklärung des Tartan-Mythos. Mehr noch:

Both imagined a golden age in the past of the Celtic Highlands. Both created literary ghosts, forged texts, and falsified history in support of their theories3, wie der englische Historiker Hugh Trevor-Roper in seinem Aufsatz über den Highlander-Mythos befindet.

Dem Vestiarium Scoticum oder The Garde-Robe of Scotland folgte bereits zwei Jahre später, also 1844, die Veröffentlichung eines noch umfangreicheren Werkes mit dem Titel The Costume of the Clans, mit dem die Sobiesky Stuart-Brüder (die zunächst als John und Charles Allan ihre Fälscherkarriere begannen und sich später erst den erfundenen Titel Sobiesky Stuart zulegten – in Anlehnung an John Sobieski, den polnischen Heldenkönig und Urgroßvater mütterlicherseits von Charles Edward Stuart4 – und vorgaben, direkte Nachfahren des Young Pretender zu sein) als die eigentlichen Erfinder sowohl des Highland-Kostüms als auch der Highland-Customs, also der Gebräuche, ja der gesamten Hochland-Zivilisation in die schottische Geschichte eingehen sollten.

Hier kann nun nicht die vollständige Entwicklungsgeschichte des Tartans und der Highland-Traditionen aufgerollt werden. Dies lässt sich viel anschaulicher nachlesen in dem zuvor zitierten Essay über die Erfindung der schottischen Highland-Traditionen von Hugh Trevor-Roper. Es geht mir um die Veranschaulichung des Ausverkaufs von Tartan als nationaler Kultur- und Imageträger, und anhand der o.g. Beispiele wird einmal mehr deutlich, in welchem Umfang und mit welch großer Wirkung Tartan zu jeder Zeit die Fantasie und das Handeln der Menschen beflügelte und dass die Mythen vergangener Generationen zu Fakten der nächsten werden.

Die Faszination des Tartan-Monsters, wie der schottische Historiker Tom Nairn das Phänomen benennt, die bis in die heutige Zeit wirkt, ist wohl einerseits auf sein klares und unmissverständliches Design, seine ideologische Kraft als auch auf seine tatsächliche historische Bedeutung zurückzuführen, die stets starke Emotionen provozierte. Ob als traditionelles Gewand oder Erfindung der Romantischen Bewegung, ob als Symbol für Nationalität oder als Ersatz für nationale Einheit – Tartan wurde und wird, wie die Farben einer Nationalflagge, weltweit eindeutig mit Schottland im Allgemeinen und den Highlands im Speziellen assoziiert. Tartan ist darüber hinaus ein derart prägnantes Markenzeichen für Schottland, wie etwa die Farbe Rot für die Zigarettenmarke Marlboro oder der silberne Stern im Kreis für den Automobilhersteller Mercedes Benz. Was renommierte Werbeagenturen mit stets neuen Strategien, immensem finanziellen Aufwand und mit beachtlichem Erfolg versuchen zu kreieren, gelang dem karierten Stoff scheinbar mühelos: Die Etablierung eines Markenzeichens, über das ein Produkt identifiziert oder eine Ideologie transportiert und direkt und unmissverständlich mit dem Hersteller – in diesem Sinne seinem Ursprungsland – assoziiert wird. Corporate Identity lautet der Fachausdruck der Werbe- und Wirtschaftsbranche dafür, mit dem das Erscheinungsbild eines Unternehmens in der Öffentlichkeit signifikant geprägt werden soll.

Während indes die Warenzeichen und die Corporate Identity moderner Wirtschaftsunternehmen in erster Linie für ökonomische Interessen stehen (die seit einiger Zeit in zunehmendem Masse allerdings auch mit dem öffentlichen Engagement im Bereich Kultur- und Sportsponsoring verquickt werden), fungiert Tartan (wie im übrigen auch das Bonnie Prince Charlie-Image) darüber hinaus in der schottischen Psyche auch als gesellschaftspolitische und kulturelle Metapher für den Verlust der nationalen Identität und den tragischen Kampf um mehr Unabhängigkeit von England.

Tom Nairn geht in seinem Buch The Break-Up of Britain indes noch einen Schritt weiter und spricht von einem „cultural sub-nationalism of tartanry5, zu dem er im übrigen auch die Kailyard-Tradition zählt. Nairn vertritt die Auffassung, dass Tartan ein adäquates Instrument aus der schottischen Kultur war, um sich, insbesondere in den Jahren nach der Union von 1707, politisch zum Unionspartner England abzugrenzen. Da eine direkte, offene politische Auseinandersetzung im klassischen Sinne damals nicht möglich war (dazu war Schottland zu abhängig vom wirtschaftlich stärkeren Nachbarn), fungierte Tartan als ein Substitut zur Artikulierung nationaler Unterschiede und nationalistischer Philosophien.


Seit Walter Scott, der aufkommenden Balmoralization durch Königin Victoria Mitte des vergangenen Jahrhunderts und Thomas Cook’s Tartan Tours erlebte das Tartandesign weltweit einen derartigen Boom wie kein anderes Stück Volkstracht zuvor. Der Kult mit dem Kilt hat seitdem die seltsamsten Blüten getrieben und letztendlich dazu geführt, dass die tatsächliche Bedeutung von Tartan und seine Historie verherrlicht bzw. romantisch verzerrt dargestellt wird. Der Mythos ist zur historischen Wahrheit geworden. Und das nicht zuletzt mit Unterstützung des Scottish Tourist Board sowie der Landestradition verhafteten schottischen Unternehmen und Institutionen wie Walkers, Drambuie und der Scottish Tartan Society in Comrie bei Perth, der quasi-offiziellen Autorität in Fragen der Tartan-Genese, die Interessenten auf der Suche nach dem eigenen Clan und beim Dechiffrieren und der Interpretation eines speziellen Tartan-Musters behilflich ist.

Längst schon ist Tartan wieder en vogue, chic und cool und zum attraktiven Werbeträger avanciert und repräsentiert heute längst nicht mehr nur nationalistische Inhalte, sondern vielmehr eine populäre Subkultur jenseits von Highland-Mythos und Clansbande, die es fertig bringt, William Wallace, Maria Stuart, Bonnie Prince Charlie, Rob Roy, Walter Scott und Queen Victoria sowie Dudelsackkapellen, Highland Games und Haute Couture, Whisky-Labels und Shortbread-Blechdosen mal primitiv und respektlos, mal frech-kreativ unter einen Hut zu bringen. 

Ob es die Uhrenkollektion Highland Stories des Schweizer Uhrenherstellers SWATCH ist, die Modellreihen Highland Spirit des französischen Modedesigners Yves St.Laurent und Brigadoon der Londoner Fashion-Künstlerin Vivienne Westwood oder das im Frühjahr 1995 vom deutschen Frischfisch-Filialisten Nordsee beworbene Schotten-Spar-Menue – der Kommerzialisierung von Tartan sind scheinbar keine Grenzen gesetzt. Anders als bei Markenzeichen von Wirtschaftsunternehmen, unterliegt das Tartanmuster offenbar keinem Titelschutz, Schottland als Urheber dieses Stoffes und seines Designs hält darauf also kein Copyright. Somit kann Tartan in jeder Form und Ausprägung beliebig für den jeweiligen Zweck verwendet und entfremdet werden und hat dank seines extrem hohen Wiedererkennungswertes einen großen Marketingnutzen. Den Schotten kann dieser globale Werbeeffekt nur recht sein, denn Tartan repräsentiert nicht nur den herrschenden Zeitgeist, sondern transportiert auch – immer noch – politische Inhalte und Programme. Tartan, so scheint es, ist in jeder Hinsicht zum Kultobjekt einer ganzen Generation geworden.

Prof. David McCrone von der Universität Edinburgh erklärt das Phänomen um den Kult mit dem Kilt mit der allgemeinen Tendenz in Schottland, die eigene Kulturgeschichte und ihre Werte stets aufs Neue zu erfinden bzw. zu interpretieren, um so – scheinbar – ein neues, modernes Gefühl von Identität zu erschaffen.

Dr McCrone, is there in fact a Scottish Identity or is it more a well manufactured and well presented image by the Heritage Industry and the Scottish Tourist Board?

McCrone: “Yes and No. I think, there are two issues here: one is that there are a lot of Scottish icons and symbols - kilts and heather, bagpipes and haggis. The Scots are quite ambivalent about these things as f.e. kilts. As you know, we don't walk around in kilts. And there is a slight distaste, I think, among many Scots for that sort of what we call Heather & Haggis-image of Scotland, which a stereotype of Scotland. And there is a lot of criticism about that. The Scots reinvent their culture and values in order to imagine themselves to create a new sense of identity. In political and economical terms.”

How then does the invention and renaissance of Scottish traditional images such as tartan, bagpipes, kilts and the Gaelic language effect the establishment of a modern Scottish identity? Or in other words: How Scottish are the Scots today?

McCrone: “There is a lot of criticism of the Heather & Haggis-image of Scotland. Some people take the view that it was dangerous and deforming. A lot of the tartanry-image of Scotland was deforming. I don't take that view. It seems to me that if all societies have their form of kitsch, so do we. But the problem in Scotland is that the identity of Scotland – because Scotland is not a state or indeed not either have a political identity within the British state, i.e. it does not have a Scottish parliament or an independent parliament -  an awful lot of emphasis and effort is put on the cultural identity. This is quite a bit misleading. I don't think that is a kind of deform psychological danger in these things. They are useful to many people in so far as they allow people to imagine Scotland quite easily in images. That's an advantage.”

An interesting phenomenon to me is the fact that the Scottish Tourist Board (STB ) is planning to ban tartan from its advertisements...

McCrone: “... Yes, this is true! They belatedly have realised that in order to promote Scotland in a new up-market way they should introduce more Scottish poetry and Scottish folk music, up-market images of Scotland. That is interesting because they have perceived a problem. They realised that Scottish people are not themselves terribly interested in that. They find this slightly offensive. The STB wants to appeal to an up-market clientel from south of the border and also from continental Europe. And those are the two major markets nowadays.

The image of tartan and clans and heather and stuff like that has a different appeal to people who to have Scottish roots. And therefore people like Americans, Canadians, Australians come, wearing tartans hats, to look f.e for their Scottish grandmother. I am not suggesting that tartan is appealing their necessity. But I think when it comes to appealing to other Europeans then the Scottish Tourist Board is quite right to think of other ways of appealing.”

Tartan wird also allgemein und gerade heute sowohl als ein wichtiger Bestandteil der schottischen Populärkultur als auch als Mittel zur Identifikation gesehen. Und das nicht nur in historischer Hinsicht, sondern in zunehmenden Masse auch von der Werbebranche, den Fremdenverkehrsämtern sowie Abteilungen für Öffentlichkeitsarbeit schottischer Unternehmen. Während sich jedoch das Scottish Tourist Board seit einiger Zeit um andere, ähnlich prägnante Identifikationsmuster der eigenen Landeskultur für seine Tourismuswerbung bemüht, wie etwa Schottische Literatur oder Folk Music, bevorzugen es viele Schotten nach wie vor, an den bewährten traditionellen und historisch überlieferten Symbolen und Klischees für das Schottischsein festzuhalten, wie der folgende Kommentar von John Rundle, Chefredakteur des patriotisch ausgerichteten The Scots Magazine deutlich macht:

“The Scottish Tourist Board believes that the way to attract English visitors is to make no mention of tartan in its advertising south of the Border. Coming shortly will be the news that Disneyland is to abandon Mickey Mouse as a symbol, and the Eiffel Tower is to be expunged from all Paris promotions. Tartan, Mickey Mouse, and the Eiffel Tower are all potent images of the areas they represent. Publicists dream of creating such instantly-identifiable concepts. People in this line of business can spend  lifetime seeking the idea that says at a glance what a library of books would struggle to articulate. Tartan is Scotland. It is unique. It is never confused with batik, denim, or Brussels lace. It means tradition, history, romance, style and any other favourable concept you are care to imagine - but above all it means Scotland.”6

Die Überzeugung, die hinter derlei nationalistisch und romantisch ausgerichteter Argumentation steht und die Nairns These des cultural sub-nationalism of tartanry bestätigt, reflektiert nicht nur die Bemühungen, charakteristische Erkennungsmuster und Sinnbilder der schottischen Tradition und Kultur zu bewahren. Hier spielt auch die wirtschaftliche Komponente eine gewichtige Rolle: Die Vermarktung des Tartan-Images als ein typisches Symbol schottischer Kultur ist zum erfolgreichen Vehikel der Tourismusindustrie avanciert. Tartan ist gleichbedeutend mit Schottland und die Verwendung von nationalen Symbolträgern wie Kilt und Dudelsack, Shortbread und Whisky in Werbebroschüren und -anzeigen illustriert eher privatwirtschaftliche Geschäftsinteressen als das Bemühen um historische Wahrheit. So lange diese Politik dazu dient, Besuchern aus aller Welt Schottland als attraktives Reiseziel zu präsentieren und sie somit zu einem Urlaub in diesem Land zu animieren, mag die Instrumentierung von Tartan nützlich und angemessen sein. Als adäquates Identifikationsmuster aber für eine Nation und eine Gesellschaft, die sich im Wandel befindet und auf der Suche nach einer modernen Identität ist, wird diese Strategie allein nicht ausreichen und es bleibt fraglich, ob damit dem allgemeinen Verlangen der Schotten nach einer eigenen, wahrhaftigen nationalen Vergangenheit entsprochen werden kann. In seinem Essay Perspectives on the Scottish Identity kommentiert der renommierte St.Andrews-Historiker Professor T.C. Smout die steigende Tendenz, Geschichte zu vermarkten, wie folgt:

“[...] in popular culture, Scottish history today appears as the stuff of heritage industry, colourful and episodic, but basically not serious. It is a poor foundation on which to identify a Scottish nation with a confident and empowered Scottish state.”77

Und Tartan ist zweifelsohne sowohl Teil der schottischen Geschichte als auch Bindeglied zwischen Vergangenheit und der gegenwärtigen, vielschichtigen und farbenprächtigen Populärkultur, über das sich die Schotten identifizieren bzw. anhand dessen Schottland sich als Nation manifestiert. Kein Wunder also, dass sich ganze Industriezweige der Scottish Heritage Industry, der schottischen Geschichts-Vermarktungsbranche, wie etwa der 1931 gegründete National Trust for Scotland, Historic Scotland sowie das Scottish Tourist Board, die Scottish Whisky Association und schließlich auch das Edinburgh Great Tattoo Office ausgesuchter Aspekte der abenteuerlichen und konfliktreichen Landesgeschichte bedienen und daraus ökonomischen Nutzen ziehen. Da ist es nur von Vorteil und kommt ihren Interessen zugute, dass die Schotten stolz auf ihre Vergangenheit sind und dieses durch ihre emotionale Verbundenheit zu Tartan dokumentieren. Letztendlich hat die Idealisierung und Romantisierung des Highland Way of Life – samt Kilt, Tartan und Dudelsack – dazu beigetragen, die schottische Identität spätestens ab Mitte des vergangenen Jahrhunderts neu zu definieren.

Matthias Kothe

 

 

 



1  Sutherland, John; The Life of Walter Scott, (Oxford, Blackwell Publishers, 1995), S.258

2 “That from and after the first day of August, One thousand and seven hundred and forty-seven, no man or boy within that part of Great Britain called Scotland, shall, on any pretext whatever, wear or put on the clothes commonly called Highland clothes (that is to say) the Plaid, Philabeg, or little Kilt, Trowse, Shoulder-belts, or any part whatever of what peculiarly belongs to the Highland Garb; and that no tartan or party-coloured plaid or stuff shall be used for Great Coats or upper coats, and if any such person shall presume after the said first day of August, to wear or put on the aforesaid garments or any part of them, everysuch person so ofending...shall be liable to be transported to any of His Majesty’s plantations beyond the seas, there to remain for the space of seven years.”

aus: Cheape, Hugh; Tartan - The Highland Habit, (Edinburgh, National Museums of Scotland, 1991), S.32

 

3  Trevor-Roper, Hugh; The Highlander-Myth, (in: The Wilson Quarterly, 1984), S.120

4  Hobsbawm, Eric J. und Terence Ranger; The Invention of Tradition, (Cambridge, University Press, 1995), S.34

5  Nairn, Tom; The Break-Up of Britain, (London, NLB and Verso Ed., 1981), S.131

6  The Scots Magazine, March 1995, (D.C.Thomson & Co., Ltd., Dundee)

7  Paterson, Lindsay; Scottish Affairs, No.6, (Edinburgh: Unit for the Study of Government in Scotland, 1994), S.109