Der Tod und der Whisky
Von Clemens Dillmann
Ich fand die Ampullen in einem Laden mit anderen kleinen Merkwürdigkeiten in der Normandie, kaufte sie und habe sie seitdem noch nie wieder angeboten gesehen. Eigentlich wollte ich sie schon wegschmeißen, denn obwohl sie vielleicht als Gag gedacht waren, deprimieren sie mich doch zutiefst, wenn ich über sie nachdenke… Sie sind entweder aus einem Alptraum eines Bartenders gefallen oder ein Zeitreisender hat sie liegen gelassen. Vielleicht wird ja Whisky tatsächlich eines Tages so verabreicht, die Bartender ziehen sich ihren weißen Kittel an, setzen die Atemmaske auf, reiben den Arm des Gastes mit einem kleinen Wattebausch ab, ziehen die Spritze mit dem Inhalt der Ampullen auf und pieks… was wäre denn so furchtbar daran wenn ein Gast reinkommt und sagt: „Bitte 1,2 Promille Ardbeg“?
Neben dem „Kulturverlust“, der sich bei dem Gedanken aufdrängt, ist es wohl vor allem die Gewissheit, die ein jeder von uns hat, dass es eines Tages tatsächlich in diese Richtung abgehen wird – auch wenn die Randbedingungen anders aussehen werden. Zigaretten sind praktisch auf dem Weg ins Klo und wie viele welche klare, rauchfreie Hirne trauern ihnen wirklich nach? Eines Tages wird der Alkohol die Rolle dieses T-Rex der Genusskultur übernommen haben. Natürlich wird Alkohol nicht den gleichen schnellen Abgang von Nikotin nachvollziehen, weil die gesellschaftliche Akzeptanz entscheidend höher ist und weil das Killerargument fehlt, das bei Nikotin das Passivrauchen darstellte.
Doch die Gesamtentwicklung der Sinnlichkeit im Allgemeinen und der Genusskultur im Speziellen strebt der Entropie schneller entgegen als der Rest des Planeten. Das schwarze Loch der Leiblichkeit ist die Virtualität, geradezu wahnsinnig kann man werden, wenn man bedenkt, dass dieses Wort auf dem lateinischen Wort für Kraft und Tugend basiert. Lange bevor die Energie aller Teilchen dieser Erde verschwunden sein wird, wird diese „Kraft und Tugend“ das Vergnügen und den Genuss vertilgt haben. Wenn es dann Menschen an einem anderen Ort im Universum geben sollte, werden sie uns sehr fremd sein.
Als Zwischenstufe zum vollendet virtuellen Dasein, wird der noch nicht perfekte Mensch vielleicht tatsächlich seine Droge mit der Spritze „einnehmen“. Diese Stufe ist nicht mehr das frei fließende, wilde Gewässer, das mittels unhygienischen offenen Glases in einem Bakterienschlund mündet und es ist noch nicht die Chemie, die eines Tages im Second Life zu kaufen sein wird, die dann durch aseptische Leitungen in den Körper gepumpt wird um „Genuss“ zu erzeugen.
Diese Vorstellung ist schrecklich? Wirklich? Kann man nichts dagegen tun? Nein! Lassen Sie die Finger von der Zukunft!
Wenn es soweit ist, wird die Herde nur mal kurz blöken und weitergrasen.
Wenn es soweit ist, wird es allen gefallen.
Wenn es soweit ist, wird es Fleisch geben wird, das in Tanks gezüchtet wurde und alles wird gut sein.
Naja, ein paar geistig zerlumpte Feinschmecker werden auf ihren Tellern das letzte Rind verspeisen, aber ansonsten werden wir, wie gesagt, alles voll Porno finden, nicht zuletzt weil Diageo, Bacardi und Pernod uns diesen Weg mit Werbung versüßen werden. Die kleine Welle Web 2.0 wird kaum die Flaggschiffe der Augen- und Ohrenversülzung beschädigen. Wenn also diese Aussicht derzeit nicht wirklich Begeisterungsausbrüche nach sich zieht oder vielleicht sogar depressiv macht, sollten wir unsere Fernsicht reduzieren. Das klingt trivial, ist es auch, aber es ist auch der einzige Weg. Was interessiert mich mein Gerede von morgen? Wenden wir uns dem Hier und Jetzt zu und genießen, was des Genießens wert ist und denken, was des Denkens wert ist.
Wert ist es z.B. dieser Ire, genannt Tyrconnell. Alter 15 Jahre, ein Single Malt und ein sogenannter Single Cask, es handelt sich also um eine Abfüllung, bei der ein einzelnes Fass abgefüllt wurde. In diesem Fall das Fass mit der Nummer 351/92. Wenn man ansonsten von Single Malt spricht, so bedeutet das ja nur, dass der Whiskey aus einer Distillery kommt, es aber in der Regel viele Fässer sind, die kombiniert einen Geschmack ergeben und so lassen sich in der Menge auch mal mittelmäßige Fässer ausgleichen. Hier „spricht“ ein einzelnes Fass direkt zu dem Genießer. Wer „zuhören“ kann, nimmt den typisch irischen Fruchtton wahr, der diese rauchfreien Destillate oft auszeichnet. Süße Quitte kommt diesem Geschmack sehr nahe und damit die Frucht nicht alleine bleibt, klingen ein bisschen frisch gebackener Kuchen und ein zarter Holzton an. Der Nachklang besteht dann noch zusätzlich aus Vanille und Kokosnuss. Ein solcher Whiskey, also eine Einzelfassabfüllung mit dem entsprechenden Geschmack musste bei den Iren bisher mit relativ viel Geld bezahlt werden, der Tyrconnell sollte auch da eine positive Überraschung darstellen.